Wie du den inneren Kritiker in deinem Kopf beruhigst
Jan 07, 2026Es gibt eine Stimme in uns, die niemals zufrieden ist. Die am Ende des Tages aufzählt, was alles nicht gut war. Die morgens schon besorgt auf den Tag blickt und ahnt, was schiefgehen könnte.
Wir alle kennen diesen inneren Kritiker. Mal flüstert er, mal wird er lauter und fordernder. Oft glauben wir, diese Stimme würde uns motivieren und zu Besserem bewegen oder gar vor Fehlern schützen. Doch die Wahrheit ist: Kritik macht uns nicht besser. Sie macht uns unsicherer und angespannter. Sie lähmt, wo sie eigentlich antreiben soll.
Die Wurzeln der inneren Kritik
Diese kritischen Stimmen entstehen oft früh in der Kindheit, denn Kinder sind Meister darin, sich anzupassen. Sie spüren genau, was von ihnen erwartet wird, und auch, wenn Liebe an Leistung gekoppelt ist. Wenn Anerkennung nur für Leistung kommt, dann lernt das Kind, dass es nur wertvoll ist, wenn es alles richtig macht.
Eine Mutter von zwei Kindern, mit Vollzeitjob und engagiert im Familienleben, kämpfte genau mit dieser alten Programmierung. Obwohl sie objektiv betrachtet alles schaffte und hinbekam, fühlte sie sich wie eine Versagerin. Der gekaufte Kuchen für das Schulfest wurde zum Symbol ihres vermeintlichen Versagens. Dabei übersah sie all das, was sie täglich leistete.
Diese inneren Überzeugungen sitzen bei uns Menschen oft tief. Sätze wie „Du musst dich mehr anstrengen“ oder „Du kannst das besser“ graben sich über Jahrzehnte ins Unterbewusstsein ein. Zugegeben, es ist im Ursprung gut gemeint, aber hat eine oftmals verheerende Langzeitwirkung.
Die Prägungen aus der Kindheit wirken wie unsichtbare Drehbücher, nach denen wir unser Leben inszenieren und Tag für Tag weiterspielen. Wir merken oft gar nicht, dass wir nach Skripten handeln, die vor 20, 30 oder 40 Jahren geschrieben wurden. In einer Zeit, als wir noch abhängig waren von der Zuwendung und Anerkennung unserer Bezugspersonen und nicht nur das, auch ganz rudimentär sogar von der Versorgung, um am Leben zu bleiben.
Der überbesorgte Bodyguard in uns
Diese kritische Stimme beschreibe ich gerne als einen übereifrigen Beschützer. Irgendwann wurde er eingestellt, um uns vor Ablehnung oder Versagen zu bewahren oder auch vor dem Gefühl, nicht dazuzugehören.
Aber dieser Bodyguard kennt leider auch heute noch nur eine Methode und die besteht aus Druck, Kritik und Antreiben. Was in der Kindheit vielleicht half, uns anzupassen und geliebt zu werden, wird im Erwachsenenalter äußerst schwierig.
Die Ironie dabei ist, dass, während wir glauben, der innere Kritiker würde uns unterstützen, wirklich gute Leistungen zu erzielen, er tragischerweise erstaunlich oft das Gegenteil tut. Denn er nimmt uns die Freude an dem, was wir tun, und raubt uns die Energie, die wir für das benötigen, was wirklich wichtig ist.
Stell dir vor, du hättest einen Mitarbeiter, der dich den ganzen Tag kritisiert. Der dir permanent sagt, was du falsch machst und mit deiner Leistung nie zufrieden ist. Wie würde sich das auf dich und deine Motivation auswirken? Würde dich das motivieren oder würde es dich erschöpfen und demotivieren? Genau das macht der innere Kritiker mit uns, und das traurigerweise Tag für Tag jahrzehntelang.
Die versteckten Ängste
In der Hypnose können wahre Ängste zum Vorschein kommen. Bei Menschen kann das die Angst sein, nicht geliebt oder ausgeschlossen zu werden und zu versagen. Und der innere Kritiker glaubt, er könnte uns vor diesen Ängsten schützen, indem er uns antreibt, noch besser zu werden.
Aber hier liegt der fatale Irrtum, weil uns Kritik nicht besser macht. Sie macht uns unsicher und erschöpft uns. So entsteht ein Teufelskreis, in dem wir uns immer mehr anstrengen, wodurch wiederum die eigenen Ansprüche gleichzeitig immer höher werden. Kurzum, die Messlatte wandert immer weiter nach oben und ist für uns unerreichbar.
Diese Ängste sind oft so alt wie wir selbst. Sie entstanden in Momenten, in denen wir uns hilflos oder ausgeliefert fühlten. Als Kinder hatten wir noch nicht die Ressourcen, mit Ablehnung oder Kritik umzugehen. Also entwickelten wir Strategien: Wenn ich nur perfekt bin, wenn ich es allen recht mache, dann bin ich sicher.
Der Moment der Veränderung
Im heutigen Video zeige ich dir eine Übung, die vielen meiner Klienten geholfen hat. Es ist eigentlich eine recht einfache Methode, um aus der Kritikspirale auszusteigen und einen freundlicheren inneren Dialog zu entwickeln.
Die Veränderung beginnt mit einer einfachen Erkenntnis, und die ist entscheidend: Die kritische Stimme ist nicht die Wahrheit. Sie ist eine alte Gewohnheit, im höchsten Fall eine Seite eines Menschen, ein überholtes Muster, und Muster können verändert werden!
Die neurologische Seite der Selbstkritik
Aus neurowissenschaftlicher Sicht aktiviert Selbstkritik dieselben Gehirnregionen wie physischer Schmerz. Ich finde das immer wieder unglaublich. Stell dir vor, wenn du dich verbal selbst fertigmachst, dann tut dir das buchstäblich weh. Unser Nervensystem kann nicht zwischen einer echten Bedrohung von außen und der Bedrohung durch unsere eigenen Gedanken unterscheiden.
Selbstmitgefühl hingegen aktiviert das Fürsorgesystem in unserem Gehirn. Es schüttet Oxytocin aus, das Bindungshormon, das uns beruhigt und stärkt. Wenn wir freundlich zu uns sind, fühlen wir uns sicherer und geborgener. Aus dieser Sicherheit heraus können wir mutiger sein, mehr wagen und vor allem authentischer leben.
Was sich verändert, wenn wir aufhören zu kämpfen
Statt gegen den inneren Kritiker zu kämpfen, lernen wir, ihn zu verstehen. Wovor will er uns schützen? Welche alte Angst steckt dahinter?
Wenn wir diese Angst erkennen und anerkennen, verliert der Kritiker oft seine Macht. Er muss nicht mehr so laut sein, wenn wir verstehen, was er uns eigentlich sagen will.
Eine Frau berichtete nach einigen Wochen, dass die Stimme noch da sei, aber irrelevanter wurde. Manchmal könne sie sogar über sie schmunzeln. Wie über eine überbesorgte Tante, die es gut meint, aber wiedermal übertreibt.
Der Wandel geschieht langsam in einzelnen Momenten, in denen wir unbewusst freundlicher reagieren. Dann werden diese Momente immer mehr, bis es uns sogar bewusst wird. Und irgendwann bemerken wir, dass wir automatisch mitfühlender mit uns umgehen und die kritische Stimme nicht mehr so im Vordergrund steht. Das schenkt uns Raum für mehr Freude und Leichtigkeit im Leben.
Die Kraft der Selbstgespräche
Wie wir mit uns sprechen, formt unsere Realität. Wer sich ständig kritisiert, sieht überall Bestätigung für seine Unzulänglichkeit. Wer freundlich mit sich umgeht, entdeckt sogar seine Stärken.
Manchmal bitte ich Menschen darum, eine Woche lang Tagebuch über ihre Selbstgespräche zu führen, und sie sind schockiert über die Härte und die Art, wie sie mit sich umgehen, und erkennen, dass sie selbst niemals auf diese strenge Weise mit jemand anderem sprechen würden.
Und genau das ist der Punkt. Wir sind oft unser härtester Kritiker und dabei bräuchten wir gerade von uns selbst am meisten Verständnis und Mitgefühl.
Die Art, wie wir mit uns selbst sprechen, prägt unser Selbstbild. Wenn wir uns ständig als Versager bezeichnen, werden wir uns auch so verhalten und uns auch so behandeln. Wenn wir uns als lernende, neugierige und wachsende Menschen sehen, öffnen sich neue Möglichkeiten.
Praktische Wege zu mehr Selbstmitgefühl
Die 4-Schritte-Methode hilft dabei, den inneren Dialog zu verändern:
- Wahrnehmen ohne Drama. Nimm im ersten Schritt die kritische Stimme zur Kenntnis, ohne dich in ihr zu verlieren.
- Tief durchatmen. Nimm drei Atemzüge in den Bauch und schaffe Abstand zwischen dir und der Kritik.
- Die Angst dahinter erkennen. Frage dich, wovor dich diese Stimme beschützen will. Meist findet sich eine alte, kindliche Angst.
- Bewusst Mitgefühl wählen. Entscheide dich für Freundlichkeit statt Härte, für ein liebevolles Mitgefühl.
Diese Methode ist einfach und gleichzeitig nicht leicht. Sie erfordert Übung und Geduld und wird dafür mit jedem Mal, wenn wir sie anwenden, ein bisschen leichter. Wir trainieren neue neuronale Pfade. Wir lernen einen neuen Umgang mit uns selbst, und das ist revolutionär!
Die paradoxe Wirkung
Menschen, die lernen, freundlicher mit sich zu sprechen, stärken sich und werden erfolgreicher, weil sie ihre Energie nicht mehr im Kampf gegen sich selbst verschwenden.
Selbstmitgefühl bedeutet, mit der gleichen Weisheit und Güte mit uns umzugehen, die wir einem guten Freund entgegenbringen würden.
Aus der Forschung wissen wir, dass Menschen mit hohem Selbstmitgefühl resilienter sind und sich schneller von Rückschlägen erholen. Und sie haben sogar gesündere Beziehungen und sind zufriedener mit ihrem Leben. Und das alles, obwohl sie auch nicht weniger Probleme haben, sondern weil sie anders mit ihnen umgehen.
Der lange Weg zu innerem Frieden
Der Weg zu einem freundlicheren inneren Dialog ist ein Prozess und beginnt mit der Entscheidung, ab heute anders mit sich zu sprechen. Vielleicht nicht immer, aber von Mal zu Mal öfter.
Der innere Kritiker hat jahrzehntelang seinen Job gemacht und heute können wir ihm eine neue Aufgabe geben. Statt uns klein zu machen, darf er uns daran erinnern, dass wir gut genug sind, so, wie wir sind.
Jedes freundliche Wort zählt auf dem Weg und macht wirklich einen Unterschied. Jedes Mal, wenn wir die kritische Stimme hören und trotzdem Mitgefühl und Liebe wählen, werden wir ein bisschen freier.
Es ist wirklich Zeit, dem überbesorgten Bodyguard eine neue Aufgabe zu geben. Eine, die uns unterstützt statt uns zu schwächen, die uns ermutigt statt uns zu kritisieren.
Ich denke manchmal, dass die Reise zu mehr Selbstmitgefühl vielleicht sogar die wichtigste unseres Lebens ist und uns zu dem Menschen zurückführt, der wir sind, wenn wir uns nicht ständig bewerten und verurteilen. Und ich glaube daran, dass diese wahre Natur des Menschseins von Grund auf gut ist.
Wenn du bereit bist, deine Gedankenwelt dauerhaft friedlicher zu gestalten, führt dich mein Buch "Perfekt Unperfekt" Schritt für Schritt durch diesen Prozess. Es zeigt dir, wie du aus der Selbstkritik-Spirale aussteigst und einen liebevolleren Umgang mit dir selbst findest.
Impulse für dein Nervensystem & deine Freiheit
Erhalte exklusive Tipps aus über 10 Jahren therapeutischer Praxis. Ich teile mit dir meine effektivsten Methoden für mehr innere Ruhe und echte Selbstfürsorge – fundiert, menschlich und direkt anwendbar.
Kein Spam, nur echte Impulse. Abmeldung jederzeit mit einem Klick möglich.